Polenstaub - Vier Tage im Rausch

   

Prolog: Die Anreise.
Ich denke, wir haben an diesem Tag etwas gelernt: Ohne die schlichte Güte und einfache Hilfe unserer Mitmenschen wären wir am Arsch. Das fing damit an, dass der Grenzübertritt ins gelobte Land am Anreisetag nicht in Frankfurt/Oder stattfinden sollte, sondern paar fuffzig Kilometer weiter südlich, in Guben nämlich. Was war geschehen? Martin, von Sachsen kommend, ertrug die vielen Umleitungen samt Baustellenampeln nicht länger, und beschloss die zünftige Umfahrung durchs Lose - wo ein gekrümmter Nagel auf den Sinn seines Daseins wartete, nämlich einem Reifenmeister unserer Wahl 25 Euronen Umsatz zu verschaffen, indem er sich sehr motiviert in den schätzungsweise 30 Jahre alten, in der schönen Sonne Sachsens gereiften Hinterreifen eines schon längst vergessenen Herstellers bohrte. Der Schlauch war auf einer Länge von anderthalb Ellen aufgeschlitzt, der Reifen immer noch „top“ (O-Ton Martin bei Stollenhöhe 10mm und ein paar tausend Rissen, die aber nur bei über 0,5 bar zum Vorschein kamen; die Bezeichnung „Stonemaster“ bekommt hier einen ganz eigentümlichen Sinn...). Aktueller Standort: Neuzelle.
Wäre da dann nicht der Fahrer mit dem Kies fürs nächst größere Dorf (Eisenhüttenstadt) gewesen, hätte Martin wohl erst auf das mobile Einsatzkommando warten müssen (mich nämlich), dass allerdings ohne hintere Fußrasten unterwegs war und derweil noch bei Fürstenwalde am Hahn hing  Aber egal, in Hütte gabs ein neues Inlay für den alten Barum (heißt jetzt Mitas), ich war inzwischen auch eingetroffen, und zurück zur KTM in Neuzelle, wo das Hinterrad noch schnell montiert wurde, beschlossen wir, nur noch so schnell wie möglich die Nationen zu wechseln, dies in Guben zu tun und uns nen schönen Abend mit See, Zubrówka und Kielbasa zu machen. Gute Idee, und Guben war auch schnell gefunden, eine unendliche Reihe Autos wies uns den Weg.
Natürlich fuhren wir ignorant links dran vorbei, aber wie das so ist, einmal nicht aufgepasst und es splitterte Duroplast aus dem PCK-Schwedt (vermutlich noch zum EVP erworben), wobei Martin zeigte, wie ein Stoppi ohne Bremse geht. Sah nicht schlecht aus. Auch der Fahrer des Wagens, der hinter sich den Hänger vom Typ HP-400 herzog, den Martin für seine Übung missbrauchte, schien beeindruckt, und konnte sich erst nach etwas längerer Reaktionszeit dazu entschließen, anzuhalten, auszusteigen und den Schaden zu begutachten. Dieser schien ihm nicht der Rede wert, er fragte, ob es o.k. sei, wenn wir es dabei beließen, mit Martin auch wirklich alles in Ordnung sei, nicht dass er da noch Ärger bekäme (also wirklich nicht), was wir einstimmig und nachdrücklich verneinten  und fuhr davon
Tja. Endlich in Polen! Banka, Tanka, Sklep Spoywczy und Jezioro Borek. Morgen wurde ein besserer Tag.


Der Urlaub

Der begann bei strahlendem Sonnenschein mit Scheibletten und Weißbrot. Willkommen zu Hause! Als wir uns zusammenpackten kam ein Angler des Wegs, der polnische Hieroglyphen brubbelte und dann aber vernehmlich motori nie wolno! meldete und dabei Kies zwischen seinen Fingern verrieb.
Aber egal, erst mal los, mit der Fähre über die Oder , und dann nach Kompass stumpf Richtung Norden, denn unsere Karte begann erst in Höhe Subice, was bedeutete, dass wir an die 20km durch die Puszcza (Puschta) messerten, dann noch mal 15 km zurück, weil Martin seine Schlafutensilien verloren hatte, und dann wieder hin. Dann Mittag in agów. Sehr angenehm. Danach tanken und mit vollen Tanks ins Unterholz. Herrlichste Hügeletten, mit steil hoch (ich nicht ganz) und noch steiler runter (das schon...) , Serpentinen, einem kleinen Weg am See lang, in dem wir badeten und der so klar war, das man den Dreck unter den Zehnnägeln sehen konnte.
Gegen spät haben wir uns ein nettes Plätzchen weiter oben gesucht, mit schönem Ausblick und in der Hoffnung, dass es den Mücken da oben zu windig und zu trocken sei. Leider gab es nicht den leisesten Windhauch. Direkt vor uns hing mehrere Stunden ein Gewitter fest und wir in der Demse, samt Mückenalarm. Als das Wetterleuchten dann plötzlich nach Norden abzog und es auch schon richtig finster war, ham wir uns schlafen gelegt, in der Erwartung des Regens.

Der kam aber nicht. Der nächste Morgen war so schön wie der vorige. Eingepackt, aufgeschnallt, kurz warmgefahren, und dann hinein ins Gebüsch. Viele kleine Sachen ohne Raumgewinn. Also zurück zur Straße und den nächstgrößeren Weg genommen. Der schien schön. Kurze Pause, Karrentausch. Nach fünfhundert Metern war der schöne Weg eine schlierig lehmige Scheiße mit tiefen Rillen vonne Forstfahrzeuge. Dahinein schmiss Martin die Honda, meine Honda. Zum Glück war nur der Lenker verbogen (so nen krummen Alu-Lenker hab ich noch nie gesehen). Abgebaut, vorsichtig zurückgebogen, so dass es wieder halbwegs ging, und alles zusammengeschraubt. Und weiter. Wie weiter, hab ich vergessen, vermutlich schnelle öde Wege .
Jedenfalls sind wir in Templewo rausgekommen, auf die Straße rauf, Sklep gesucht, eingekauft, im nächsten Ort ne Bar gefunden, und Mittag. Es war Sonntag und überall Schnecken, als wär man Samstagnacht in der Dische. Sehr nett. Mal was andres.
Danach versuchten wir, entlang der Obra gen Norden zu kommen, was aber nicht wirklich gelang. Also Straße bis Skwierzyna, dann nordöstlich in die Puschta. Sehr langweilig, aber besser als Straße. Dann wurds endlich hügelig, mit Seen. Wir machten am Ufer lang, Steilauffahrt mit festfahren (ich), dann Geheize durch die kurvigen Waldgassen. Martin wär dabei wieder fast jemandem ins Blech gerammelt, diesmal frontal. Schön, dass der Pole im Wald sehr vorsichtig fährt, wegen des schlechten Fahrwerks.
Wir suchten uns auf einer Halbinsel ein nettes Plätzchen, wobei wir an dem optimalen Plätzchen zum Nächtigen eine Gesellschaft antrafen, bestehend aus einem Alten, einer Frau und einem Mädchen, sodass wir erst mal 20m weiter knatterten und dort eine weitere Badestelle fanden. Diese war aber vom Polen arg verunratet  Scherben und Angelscheiße. Also sind wir zum Baden an die andere Stelle gegangen, wo das Picknick stattfand. Obwohl von den Picknickern (Hühner?) aber gerade nichts zu sehen war (Pilze sammeln), behielten wir beim Baden  der Pole ist schwer katholisch  die Schlüpfer an. Vorteil: Sie wurden auch mal gewaschen. Nach dem Bad ruhten wir noch etwas in der Sonne, bis der Alte kam.
Und was dann kam, übertraf unsere Vorstellungskraft: Wir wurden nach allen Regeln der Kunst in die Geheimnisse das polnischen Picknicks eingeweiht, bekocht und mit eingelegten Gurken und Paprika (ganze Gläser!) beschenkt. Es stellte sich heraus, dass die Frau des Alten Tochter und das Mädchen seine Enkelin waren. Die Kleine sollte als Dolmetscher fungieren, was aber nicht klappte. Sie hätte schon sieben Jahre Deutschunterricht, was ich mir aber nicht vorstellen kann, da sie höchsten in der siebten Klasse gewesen sein konnte, Martin schätzte sie gekonnt auf Mitte zwölf. Also mussten wir darauf zurückgreifen, was der Alte von früher noch konnte und dem, was wir an polnischen Brocken drauf hatten. Und es genügte. Und wenn nicht, hieß es: Aaahhh, kurva! Hitler kaputt! Quasi als Gegenleistung für die Bewirtung durfte die Kleine bei Martin hinten drauf durch den Wald fahren. Was für eine Freude! Am Ende gabs Abschiedsfotos, fürs Feuer fertige Kartoffeln, mehrere Zwiebeln, Schirmpilze, Speck, Bier, eine Pfanne, ein Brett, ein Messer, zwei Flaschen Wasser usw., damit wir nicht verhungerten... Das ganze Zeug sollten wir dann am nächsten Morgen einfach ins Gebüsch legen, er  der Alte  würde es dann schon abholen. Was sagt man dazu? Dzienkuj!!!    

Am nächsten Tag sind wir noch mal um den See gefahren, weil der Alte meinte, man könne da besonders gut durch den Wald hacken. Das taten wir, navigierten dann aber wieder Richtung Nord-Nordost und hatten wieder mit Pilzsammlern und herumlungerndem jungen Gemüse (es waren Ferien, 10 Wochen übrigens) zu tun. Ganz schön haarig manchmal.
Bei Drawsko querten wir dann die Note (über Straße), durchfuhren Krzy und machten uns am Ufer der Drawa nach Norden. Ein schöner Fluss, die Drawa! Martin nahm ein Bad, und dann pirschten wir uns immer am Ufer lang durchs Unterholz. Durchaus heikel hin und wieder, jedenfalls für mich, der bei einer kurzen aber heftigen Steilauffahrt die Honda auf ihren Steiß setzte, selbst aber rechtzeitig wegsprang. Bis auf ein verknittertes Amtsblech war nichts passiert, nur musste ich an die hundertmal den Kicker nach Süden jagen, bis die Gute wieder Luft bekam. An dieser Stelle muss lobend erwähnt werden, dass der Martin seinen österreichischen Wasserkocher trotz Schnösel-E-Start vorzugsweise mit dem Kicker zum Starten gebracht hat. Was ihn bisher davon abhielt war, dass Kicker und Schalthebel auf derselben Welle sitzen und beim Runterlatschen des Kickers abrupt der zweite Gang eingelegt wird. Klarer Konstruktionsfehler. Abhilfe: Beim Kicken die Kupplung ziehen. Und ich muss sagen: Geht wie bei einer MZ! Springt auch gut an.

Dann erreichten wir den Drawinsky Park Narodowy. Was für eine geile Gegend! Wir beschlossen, uns ein Zimmer zu suchen, nachmittags noch ein bisschen zu fahren und den nächsten Tag ganz ohne Gepäck anzugehen. Gesagt, getan. Das erste Schild im ersten Ort (Gusko) mit Noclegi drauf ließ ich allerdings erst mal liegen, mal sehen, was noch kommt. Leider kam nichts mehr. Nachdem wir das realisiert hatten und den Drawinsky Park Narodowy auf der Straße der Länge nach durchmessen hatten, fuhren wir die 25 km wieder zurück nach Gusko, organisierten uns das Domki, und machten uns noch einen schönen Abend mit Nudeln, Tomatensoße, Kiebasa und viel Pivo. Für einen kurzen Ausflug wars zwar zu spät, aber das störte uns nicht. Wir hatten einiges auszuwerten bis hierher.


Tja, und der nächste Tag war dann der krönende Abschluss. Zuerst fuhren wir irgendwie Richtung Czlopa, benutzten dafür dann einen ausgeschilderten herrlichen Wanderweg und jagten durch das verwinkelte Gelände. Was für ein Spaß! In Czlopa gabs Geld. Von da aus Richtung Norden, ein kurzes Stück über eine alte Bahnlinie, die, wie uns später berichtet wurde, 1995 noch da war (wenn auch nicht mehr befahren), dann aber nach und nach von den Einheimischen in Volkseigentum überführt und entweder zum Schrotthändler gebracht wurde, zwecks Geldanlage, oder im eigenen Ofen der Wärmeenergiegewinnung diente. Aber das nur am Rande. Wir jedenfalls tuckerten durch den Wald, mal Weg, mal Unterholz, mal Hang, und suchten den höchsten Punkt im Gelände. Wir fanden ihn nicht, machten uns Richtung Süd-Südwest zurück, und haben irgendwie die Peilung verloren. Plötzlich kamen wir nämlich wieder in Czlopa raus, und mein  Orientierungssinn war durcheinander. Leider konnte ich ihn so schnell nicht wieder in Ordnung bringen, denn ich hatte unsere Karten verloren. Wir fanden sie 7 km zurück auf einem riesigen Stoppelacker wieder, d.h. Martin fand sie wieder. Ich kämpfte mit der Honda: Sie spuckte und stotterte (sehr schlecht auf einem harten und zerfurchten Acker), bis ich merkte, dass der Sprit aus war. Bei 130 km schon auf Reserve?!? Naja...
Also wieder rein nach Copa, tanken, Luft (ich hatte vorn 0,2 und hinten 0,4 bar...), Mittag. Wir saßen draußen, an der Straße, und irgendwann gesellte sich ein Hannoveraner dazu, der in seinem VW-Bus eine 625er SXC spazieren fuhr. Wir kamen ins Reden (über Rumänien, Masuren, KTM laberbla...) und freuten uns sehr über hilfreiche Hinweise bezüglich Rumänien, denn da wollen wir nächstes Jahr hin.
Aber es war erst Mittag, wir mussten noch was schaffen. Also wieder an der Bahnlinie raus, kurz eine Kiesgrube gequert, übern Acker, rein in Wald, Sprunghügel gefunden, an die 15 Scheinanfahrten, weitergefahren, noch ein viel geilerer Sprunghügel (über nen Weg, dahinter in ein Tal, wie Skispringen), also noch mal Bilder, und dann ins richtig grobe, verwinkelte, böse, vom Biber beherrschte Gelände. Sehr anstrengend! Vor allem diese dünnen spitzen Baumstümpfe, an denen man ständig mit irgendwas hängen blieb, und die man im recht hohen Gras nicht sah, und das immer am Uferhang lang...
Wir kamen an einem Parkplatz raus, ließen zur Entlüftung erst mal die Hosen runter, schauten uns um, fanden eine Karte mit Wanderwegen, an der es sich gut für den Heimweg orientieren ließ, als plötzlich ein Angler aus dem Wald (!) kam. Kurzes Händeschütteln, und schon war man im Gespräch. Er wollte eigentlich angeln, was aber hier verboten sei, dann hörte er unsere Motoren, machte sich in den Wald, zur Ablenkung Pilze sammeln (was sonst ...), was hier aber auch verboten sei, doch jetzt, wo er weiß, dass wir nur irgendwelche Deutsche beim Schartenreißen sind, würde er doch noch schnell die Angel werfen, sonst gibts heut Abend nix in der Pfanne. Sein Bruder übrigens arbeitet bei der Polizei, seine Frau bei der Forstwirtschaft, seinem Schwager gehört als Förster der Wald im Nationalpark und einem anderen Bruder der Wald drumherum. Achja ...
Von da aus fuhren wir an einem Seeufer entlang, dass ein schmaler aber hoher Deich war. Ich jedenfalls freute mich sehr über meinen MFC12, denn das war an der einen und auch anderen Stelle etwas hakelig und mit TKC80 oder Karoo hätts wohl ne Katastrophe gegeben. Nach etwa 3km hatten wir davon die Nase voll, nutzten eine etwas flachere Stelle und machten uns in den Wald, wo schöne schnelle Wege auf uns warteten, die mit Liebe und Hingebung genommen wurden. Kurz vor Gusko gabs noch eine schöne Holzbrücke (Fototermin), dann gings in den Sklep, ins Domki, noch mal Baden fahren, und Beine hoch. Wir aßen Bratkartoffeln mit Ei, Pivo war auch am Start, um drei gings in die Waagerechte. Das Leben kann so einfach sein.


Epilog:  Die Abreise

Das Wetter am nächsten Tag war schön. Wir fuhren durch bis Beeskow. Dort aßen wir eine Kleinigkeit, verabschiedeten uns, und trafen uns auf der Umgehungsstraße wieder. Erneute Orientierung, Abschied, Heimfahrt, Ende :-)




Erstellt am: Donnerstag, 15. September 2005
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