Säge




Schickie – Säge auf Schub!



Eines Winters, Anfang der Neunziger war es dann soweit: Martins XT klapperte an allen Ecken und Enden im rostigen Rahmen, meine 350er XL (ich bin Thömi, im weiteren Kreis auch Schubi oder kurz Schub genannt) gab auch nicht mehr annähernd das auf´s Hinterrad, was in den bunten Prospekten geschrieben wird, und Bardo hatte mit seiner XT600 auf Abwegen schon soviel auf der Welt gesehen, dass der Tacho schon dicke einmal genullt hatte. So rollten und hieften wir Drei also unsere Gurken unter Gestöhne in den verwinkelten Keller hinter dem Bergwerk (kein Stollen – sondern eine Szenekneipe in Berlin-Mitte), und bauten die 3 Dreckschleudern auseinander. So hatte jeder sein nützliches Tun über die kalten Winterwochen.

Bardo an seiner 43F im Bergstrassenkeller


Ein typisches Bild bot sich Martin und mir beim eifrigen Schrauben dann bald jeden Abend, denn Bardo erschien stets zu fortgeschrittener Stund´ in unserm kleinen Schrauberparadies. Immer, aber auch immer eine Tasche über der Schulter, kam er dazu. Nebenbei bemerkt kann der aufmerksame Leser der Tuckerseiten Bardo meist auf Bildern mit irgendeiner Art von Tasche ausmachen. Ob Sprung- oder Drift: Irgendein Gepäckstück hängt immer auf seinem Rücken.

Bardo beim Einflug in den Keller oder wohin auch immer...

So bastelten wir auch diesen späten Abend und aus Bardo´s Ecke hörte ich nur: „Schickie – Säge auf Schub!“ – Wie sollte ich das versteh´n? Da stand er vor seinem neu erworbenen Motor und richtete die Eisensäge auf mich. Nun, ich konnte doch gar nichts dafür, dass er sich bei Eisenschwein (einer Hinterhofwerkstatt aus dem Prenzelberg) den Motor einer XT550 mit den Worten –„der passt ganz sicher!“- aufschwatzen ließ, da ja der Originale schon so fertig war. Nein, er zielte dann auch nicht auf mich, und beruhigt fiel mir ein, dass ich schon in der Reichsbahnerlehre vom Meister erfuhr, dass die Säge immer auf Schub und niemals auf Zug eingespannt wird, wenn man beabsichtigt, mit ihr Metall zu trennen. Tja, und unser lieber Bardo musste was trennen, denn Eisenschwein hatte gelogen… Der Motor passte natürlich nur fast.

Also „Säge auf Schub!“

Ritsch, ritsch, ritsch…- was hätte ich in der Lehrwerkstatt drum gegeben, wenn die Späne so leicht wie hier von der Eisenplatte gefallen wären! Das Kurbelgehäuse eines japanischen Eintopfs ist da doch dankbarer. Oder nicht? In Bardo´s entzücktes, tatendurstiges Lächeln geriet urplötzlich ein härterer Zug. Ritsch – und dann sprudelte leider doch 10W-40, oder was auch immer der Vorbesitzer an Motoröl eingefüllt hatte, die linke Gehäusehälfte herab. Tja, jetzt war erstmal Schluss mit schickie und sichtlich um Fassung bemüht, zog Bardo mit seinem „neuen“ Motor von dannen. Nach oben. In sein Zimmer. Vor seinen Schreibtisch. Und stellte den Eintopf erstmal drauf.

Schreibtischarbeit   Anmerkung von martin: Ölflasche im Regal- das gute von Götz

Bewundernd schauten wir zwei Ungeschädigten dem Bardo tagelang über die Schulter und staunten nicht schlecht, dass ihm erstens noch nicht sein Humor verließ, und wie er zweitens nun in akribischer Uhrmachermethode Loch an Loch mit dem Minibohrer um die ungewollte Öffnung setzte-, eine Art Gazegitter aus hauchdünnen Drähtchen flocht-, um dann in bestgelernter Bootsbauermanier alles mit irgendwelchen Mittelchen miteinander zu verkitten.


Mich erinnerte das seinerzeit irgendwie an eine Herz-OP, Bypass oder so. Da der Motor nun eh schon so allein auf seinem Schreibtisch stand, ließ sich Bardo denn jedoch auch nicht die Gelegenheit nehmen, selbigen nach guter Tradition noch in kräftiges Motorrot farblich einzutauchen.

<>Seiner Meinung nach gehört der Arbeitgeber Rot, was weniger politisch gemeint ist, sondern eher von Landmaschinen- und Traktorenantrieben bekannt ist, ja, selbst seiner nicht geliebten XL 600R spendierte er einst ein rotes Herz. Einige Tage später trabte er also mit dem knallroten Aggregat nach dem Trocknen des Lacks und der Tränen wieder rein in den Keller.

Der zweite Versuch schlug erst dann fehl, als das Federbein eingebaut wurde, und an anderer Stelle immer noch etwas Motorrotes im Weg war. Da hab´ ich den Bardo mal richtig zornig erlebt, was sonst gaanz selten der Fall ist. Der Motor kullerte nach einem recht kräftigen Tritt über den Kellerfußboden und holte sich schon jetzt die ersten Schrammen in sein rotes Kleid.

Also noch mal, und wieder sagte er: „Schickie – Säge auf Schub!“ Diesmal blieb der Schmierstoff weiterhin im Motor, und im dritten Versuch hing dann das 550er Herz strahlend rot in der 600er.

Und tatsächlich tuckerte er dann jahrelang in seinem Motorrad, trug den Reiter über´s Irland und an den Aralsee und, was weiß ich noch, wohin. Überall ölte es mit der Zeit von Kopf bis Fuß, doch seine geflickte Schwachstelle hielt bis zum Ende dicht!!

Ich frage mich bis heute was Bardo damit meinte, wenn er nach einer geglückten Steilauffahrt oder tiefen Flussdurchfahrt sagte: „Mmh, - irgendwie richtig spritzig der Motor“ Die sanfte Leistungskurve des 550er konnte es wohl kaum sein, oder doch? Oder eher das Motorrot, welches er seinerzeit mit der Spraydose auftrug? Oder etwa doch das Öl, das an der Stelle am Kurbelgehäuse…?

Wie gesagt, er fuhr richtig lange damit rum, bis er den Motor aus Martins verunfallter Karre 8 Jahre später bekam. Nu isses wieder ein 600er Herz in schwarz, dass ihn zu weiteren Untaten ins Gelände treibt. Doch eines hab ich von Bardo seither nicht mehr gehört: „irgendwie richtig spritzig der Motor“